Sonntag, 10. April 2011

Improperia

FERIA SEXTA IN PASSIONE
ET MORTE DOMINI

Karfreitag



Das schönste Stück Gregorianik der Karwoche und seit nunmehr 16 Jahren immer wieder eine Herausforderung für die Männerschola St. Michael. Nun sollte man meinen, wenn ein Choral schon so oft gesungen wurde, dass hier eine gewisse Routine zum Tragen kommt. Die einzelnen Teile an sich sind auch nicht sonderlich schwer. Es ist die Länge des Stückes, die Verbindung der einzelnen Teile, die Aufrechterhaltung der Konzentration, was die Laiensänger hier aufs Höchste fordert. Viele kleine Rädchen, die ineinander greifen müssen und die nur allzu leicht unterschätzt werden.

Das Popule meus bewegt sich in seinen tiefen Tönen oft an der Schnittstelle zwischen Brust und Mittelstimme um das d' herum. Hier muss man die Sänger dazu anhalten möglichst „helle“ Vokale zu sprechen und die Melodieteile in einem gleichmässig musikalischen Bogen wiederzugeben. Ein Fehler, der sich häufig einschleicht, ist an der Stelle „aut in quo“. Hier muss der verlängerte Ton durchgehalten werden zur nachfolgenden Melisma. Es klingt schöner, wenn hier kein Luftloch entsteht. Erst vor dem „Contristavi“ und dem abschliessenden „Responde“ sollte geatmet werden.

Die ersten beiden kurzen Anrufungen Hagios Theos und Hagios Ischyros weise ich die Sänger immer darauf hin die Schlusstöne klingen zu lassen, sie nicht zu früh wegzunehmen.
Beim Hagios athanatos ist mir selbst jahrelang ein böser Fehler unterlaufen. Das b, das bei Hagios noch gesungen wird, gilt bei athanatos selbstverständlich nicht mehr und ich hatte das übersehen – j a h r e l a n g natürlich auch für das nachfolgende Eleison, bzw miserere – die musikalisch reinste Form der Bitte, die man sich denken kann.
Alleine wenn ich den Klangunterschied höre: Sack und Asche... Domine non sum dignus... C'est la vie...Confiteor.... nicht mehr zu ändern, abhaken, weiter.... je nach Stimmungslage, eins davon passt immer – also erstmal weiter im Text.
Von der Aussprache her ist das „Miserere nobis“ bei dieser Tonfolge nicht einfach. Um den Sängern eine Hilfestellung zu geben lasse ich das Wort als Mi-se-rä-re sprechen. Die Färbung zum ä in der 3. Silbe hat sich hier als gute praktische Lösung erwiesen.


Nach den Anrufungen ergeben sich unterschiedliche Tonwechsel.
Zum „Quia eduxi“ geht’s eine Quart tiefer
Zum „Quid ultra debui“ eine Quinte
Zum abschliessenden „Popule meus“ wieder ein Quinte.
Hört sich weiter nicht dramatisch an. Unter dem Gesichtspunkt Konzentration habe ich aber schon lange aufgehört das zu unterschätzen. Tatsache ist, dass wir jedes Jahr an diesen Schnittstellen gesondert üben.


Alle weiteren Psalmverse auf Seite 228 ff des Graduale Romanum.
Steht frei zum Download auf http://www.introibo.de/gregorianik.htm


Der Gesang ist jede Anstrengung wert. Ich kann mir aber dennoch denken, dass Laiensänger zurückschrecken vor der Länge und damit vor dem Umfang der Probenarbeit.
Ich habe dieses Problem aus der Not geboren pragmatisch gelöst.
Als wir die Improperia das erste mal lernten als relativ unerfahrene Schola war ich zu optimistisch. Wirklich gelernt hatten wir nur Popule meus und die Anrufungen. Nun, dann singt man eben erst mal nur das. Einen Teil dieses Gesanges in der Karfreitagsliturgie zu singen ist erst mal besser als gar nichts und ausserdem nachhaltiger als jede Probenarbeit.
Im Jahr darauf haben wir das „Quia eduxi“ dazugefügt. Ca 2 Jahre später das „Quid ultra debui“.
Rom ist auch nicht an einem Tag gebaut worden. Puristiker dürfen gern den Kopf schütteln und das mein ich nicht abwertend. Ich bin Pragmatiker und kann damit leben.
Wir wissen nicht, was dieser freundliche Henker empfiehlt – wir empfehlen bei Kopfschmerz....
Ich empfehle Laienscholen die Improperia uneingeschränkt. Wenns nicht auf einmal geht, dann lernt das Stück in Etappen.
Singt die Improperia. Singt sie meinetwegen
  • unvollständig
  • mit ein paar Unsicherheiten,
  • über Jahre weg als Baukastensystem
Aber in Gottes Namen singt sie. Ich kenne keine eindrucksvollere Musik zur Karfreitagsliturgie.



Kommentare:

Johannes hat gesagt…

Herzlichen Dank, werfe mich sofort in Schale und übe, übe, übe.

jos.m.betle hat gesagt…

Ganz ganz vielen Dank! Das sind die Themen, die wir brauchen. Wir müssen lernen, was Liturgie ist, was das alles bedeutet, das uns darin begegnet. Auch gerade die Zelebranten der tridentinischen Messen haben nicht immer viel Ahnung; mal abgesehen von denen, dies von der Pike auf gelernt haben. Man darf sich nicht nur vom Gefühl der wunderschönen gregorianischen Gesänge treiben lassen. Irgendwann einmal muss der Sinn verstanden werden, der dahintersteht. Danke und bitte weiter so!!

wrtlx hat gesagt…

ups, dabei hab ich über den Sinn hier gar nichts geschrieben. Gelobe Besserung.