Dienstag, 19. April 2011

Von Hirten und Metzgern

Ich bin beim Surfen über Kirchenmusik und dementsprechende Themen bei folgendem Papier der DBK hängengeblieben: Arbeitshilfe 194 - Musik im Kirchenraum außerhalb der Liturgie. Sucht man dann etwas weiter sieht man, dass das Dokument ist einschlägig bekannt ist, siehe dazu folgenden Kommentar auf der Seite Sinfonia sacra von Johannes Laas. Ich kannte das Dokument der DBK, oder sollte ich sagen Pamphlet, bislang nicht. Selbst wenn Kirchenmusik nur mein Hobby ist, packt mich da der Zorn. Verfasst wurde es von den deutschen Bischöfen - Hirten. Hirten? Sie sollten sich was die liturgische Musik der katholischen Kirche betrifft besser umbenennen in Metzger oder Schlachter. Das klingt hart, trifft aber den Kern der Sache, wenn man lesen muss wie die DBK gesungene und gespielte Liturgie, das Schaffen der Musiker und Komponisten  von über 15 Jahrhunderten mit einem Federstrich aus ihrem angestammten Platz in der Liturgie der heiligen Messe hinauswerfen will.
Der Titel des Pamphlets klingt noch unschuldig, der Inhalt ist es nicht.
Nicht zufällig steht direkt am Anfang Kapitel 1.1 Traditionelle mehrstimmige Kirchenmusik – außerhalb oder innerhalb des Gottesdienstes?
Das Provokation ist das "oder" mit abschliessendem Fragezeichen. Hätte die DBK hier lediglich ein "und" gesetzt und dieses "und" textlich entsprechend untermauert, würde ich sie gerne auch in diesem Kontext als Hirten bezeichnen. Metzger kennen statt des integrierenden "und" nur das Schlachtbeil:
"Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils wollte die tätige Teilnahme der ganzen Gemeinde fördern, er langte deshalb den rollengerechten Vollzug der liturgischen Feier und ermöglichte die Liturgie in den Volkssprachen.  Die liturgische Praxis traditioneller mehrstimmiger Kirchenmusik scheint aber genau dies in Frage zu stellen: Der zuhörenden Gemeinde ist eine ganzheitlich-aktive Teilnahme nicht möglich; gegebenenfalls ist die liturgische Rollenverteilung nicht mehr ausgewogen. Zudem ist der Großteil der Gemeinde der lateinischen Sprache unkundig.
Wird die Liturgie von mehrstimmiger Kirchenmusik dominiert, besteht generell die Gefahr, dass professionelle Musiker, aber auch Amateure und Laienensembles den Gesang exklusiv an sich ziehen. Deswegen empfiehlt die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung: „Wenn die Kirchenmusik innerhalb eines Gottesdienstes aufgeführt wird, soll sie sich an dessen Eigenart anpassen. Dies verpflichtet nicht selten dazu, den Gebrauch von Werken einzuschränken, die aus einer Zeit stammen, in der die tätige Teilnahme der Gläubigen noch nicht als eine Quelle wahrhaft christlichen Geistes angesehen wurde."

Dies verpflichtet nicht selten dazu..... Weniger vornehm ausgedrückt: Jegliche Musik vor dem Vaticanum II ist lediglich historischer Sondermüll und Müll gehört aussortiert.
"Sollten sie innerhalb der Liturgie keine passende Verortung mehr finden, bieten sich außerhalb des Gottesdienstes viele ansprechende Möglichkeiten."Übersetzt: Wir wollen mal nicht so sein. Innerhalb des allgemeinen Immobilienmanagements wird sich schon noch ein Plätzchen dafür finden lassen.
Wer diese Werke tatsächlich noch hören will soll dafür entweder Eintritt blechen oder sie werden in einer unverdächtigen Art und Weise präsentiert, damit sie eventuelle Zuhörer um Gottes Willen nicht religiös beeinträchtigen - die DBK benutzt dafür das nette Wort "niederschwellig".
"Die Konzerte werden in der Regel zu sehr günstigen Konditionen angeboten und stehen damit Interessierten unabhängig von ihrer Einkommenssituation offen."
"Auch außerhalb traditioneller Kirchenkonzerte kann eine geistliche Musikpflege kirchlich weniger gebundene Menschen erreichen. ... z. B. „musikalische Mittagspauseni n der Kirche“, „Orgelmeditationen zum Feierabend“,
„Nächte der offenen Kirche mit Musik“ usw. Hier wird Musik im Kirchenraum außerhalb der Liturgie so innovativ und niederschwellig angeboten, dass sie auch zufällige Passanten auf einladende Weise mit Kirche und Glaube in Berührung bringt."

Ein schlichtes integratives "und" am Anfang hätte genügt um all diese Aussagen in einem völlig anderen Licht erscheinen zu lassen. Ich kenne niemanden, der all die musikalischen Werke der katholischen Kirche nur im liturgischen Gebrauch einsperren wollte, aber jetzt kenne ich, so scheint es zumindest, eine Organisation die ihre kulturellen Schätze aus der Liturgie aussperren will - die DBK.
Nachtrag:
Für die Erstellung der AH 194 sind laut Vorwort verantwortlich
1. Die Liturgiekommision der DBK,
Damaliger Vorsitzender: Kardinal Meissner,
Damaliger stellvertretender Vorsitzender: Bischof Mixa
2. Die AGÄR (Arbeitsgemeinschaft der Ämter und Referate Kirchenmusik der Diözesen Deutschlands)
Damaliger Vorsitzender: Matthias Balzer
3. Vertreter des Allgemeinen Cäcilienverbandes für Deutschland (ACV).
Damaliger Präsident: Msgr. Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider
Die Personen sind genannt aufgrund ihrer Stellung als Vorsitzende, bzw Präsident. Inwieweit sie persönlich mitgewirkt oder Einfluss genommen haben insbesondere auf Kapitel 1.1 der AH 194 ist mir nicht bekannt.


Ich will nicht so weit gehen wie Johannes Laas in seinem oben verlinkten Artikel, der Musik daran misst, wie nahe oder wie weit entfernt sie vom Gregorianischen Choral ist. Ich sehe die Entwicklung der Musik und der Kompositionstechniken als ein organisches Wachstum, ein Gebilde das sich stetig weiterentwickelte, innerhalb des kulturellen europäischen Raumes von der frühen Mehrstimmigkeit über Barock, Klassik, Romantik bis in die Moderne. Einen Zeitgenossen wie Colin Mawby, die vor allem auf die Schönheit und Singbarkeit ihrer Messen Wert legen erwähne ich da gerne extra.
Im sog. neuen geistlichen Lied gibt es viel triviales. Es gibt aber auch Komponisten wie Albert Frey, der die meisten seiner Texte unverfälscht aus dem Brevier ableitet oder Pfarrer Andreas Schätzle (Radio Maria, Wien), die sowohl textlich als auch musikalisch grossartige Lieder schreiben.
Jetzt die Preisfrage: Kann man gutes neues Liedgut auch in der überlieferten Form der Gregorianischen Messe singen?
Meiner Meinung nach ja. Ich bin hier gegen Denkverbote. Komponisten aller Zeiten haben von sich auch gesehen mit zeitgenössischen Techniken zeitgenössische Musik für die "Messe aller Zeiten" geschrieben. Ich sehe keinen Grund, warum das für gute und wertvolle Lieder unserer Zeit nicht gelten soll. Das macht dem gregorianischen Choral seine exklusive Stelle als gesungene Liturgie nicht streitig. Es wäre aber auch ein Zeichen für die Hermeneutik musikalischer Reform um mal einen bekannten Begriff Papst Benedikts abgewandelt zu verwenden, dass man Neues hinzufügt und mit den Wurzeln liturgischen Gesangs, dem gregorianischen Choral in der heiligen Messe verbindet, statt die Wurzeln abzuschneiden oder Neues auszusperren. Eine Synkope ist lediglich ein musikalisches Stilmittel und nichts Dämonisches und nur weil ein oder zwei textlich und musikalisch passende Propriumslieder neueren Datums zum Einsatz kommen würde eine ehrfürchtige Liturgie nicht profaniert.

just my 2 cents....

Montag, 11. April 2011

Resurrexi

Dominica Resurrectionis

Zum Introitus des Ostersonntags ist sicher schon viel geschrieben worden, aber das was ich irgendwann mal von Prof. Dr. Heinz-Gert Freimuth dazu gefunden hatte ist mit Sicherheit das Beste. Ich hatte mir diese grossartige Analyse gespeichert und gebe ihn hier einfach vollständig wieder, mit grosser Verbeugung vor soviel Tiefe und Sachverstand. 



Siehe auch "Downloads", bzw HIER





Resurrexi
Am Ostersonntag singt die Kirche: Resurrexi et adhuc tecum sum...- "Ich bin auferstanden und immer bei dir. Du hast deine Hand auf mich gelegt. Wie wunderbar ist für mich dieses Wissen. Halleluja." Das Einzugslied am Osterfest, dem Fest aller Feste, ist von klassischer Schönheit und geläuterter Klarheit. Es ist mehr als tausend Jahre alt.
Fast sind wir enttäuscht über die Einfachheit, ja Schmucklosigkeit der Melodie. Man wollte meinen, es gebe für das Osterfest geeignetere Lieder: Hymnen, die mit "Pauken und Trompeten" von der Auferstehung künden. Das subjektive Empfinden möchte am Ostermorgen in der Liturgie eine rauschende und festlich-frohe Weise vernehmen. Aber am Tag der größten Festesfreude verzichtet die Kirche in ihrem ersten Gesang der Eucharistiefeier auf alle äußeren Glanzmittel und Effekte. Gemessen an den Liedern der Feste Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Allerheiligen, erster Adventsonntag oder Weihnachten enthält die Melodie nichts, aber auch gar nichts an Freude.
Der Text ist dem 139.Psalm entnommen. Das Eröffnungswort Resurrexi – Ich bin auferstanden kündet vom Wunder der göttlichen Heilsfügung. Der Verfasser des Liedes stellt sich vor, wie Christus, der Auferstandene, am Ostermorgen seinem ewigen Vater gegenübertritt: Ich bin auferstanden. Noch zittert das Leid und die Verlassenheit des bitteren Karfreitags nach. Schmerzliche Erinnerung.
Du hast deine Hand auf mich gelegt. Schwer lastet die Hand des Vaters auf dem Sohn. Der Weg des Leidens war hart und dunkel. Dem Willen des Vaters aber hat der Sohn sich gehorsam übergeben.
Wie wunderbar ist für mich dieses Wissen. Trotz der Nacht des Todes und der letzten Entäußerung bleibt eines bestehen: Gottes Wissen erweist sich als wunderbar. Der Vater weiß um den tiefsten Sinn des Leidens seines Sohnes. Seine Weisheit beweist sich in der Auferstehung seines Sohnes. Er führt ihn durch die Finsternis des Karfreitags ins Licht des Ostermorgens.
Zu diesen wohlbedachten Psalmenworten erwartet man einen Gesang voller Freude, voller Siegeszuversicht, eingebettet in das ewige Halleluja. Doch ein Osterhymnus, den, wie Karl Rahner sagt, "die Glaubenden singen, die die Enttäuschungen des Lebens und des Zweifels hinter sich zu lassen vermögen; die glauben von diesem innersten Segen ihres Lebens her – befreit erkennen, was sie glauben", ein solcher Osterhymnus scheint dieses Lied nicht zu sein.
Aber vielleicht ist unsere Erwartung falsch; Jubel, wo Traurigkeit noch dauert, Freude, wo Trauer noch weint. Vielleicht sind wir generell zu rasch geneigt, mit Osterjubel alles Leid zuzudecken, die Trauer, die allem gegenüber offen bleibt, nicht durchzuhalten, sie einfach wegzujubeln. Nur wer den Karfreitag durchlebt, seine Trauer zulässt, wird in die Freude des Ostermorgens hinein gehen können.
Das Lied der Kirche am Osterfest klingt verhalten, schwebend und fragend: Worte, die aus göttlichem Gesetz entstanden sind, Töne, die aus dem Schweigen geholt sind. Ein Lied aus dem Schatten der Nacht, ein Gesang in die zögerliche Dämmerung des neuen Tages, eine Melodie aus den Tautropfen des frühen Morgen.
Die alten Choralkompositionen haben uns die Geheimnisse ihrer Kompositionskunst nicht überliefert. Sicher ist aber, dass sie aus tiefer und bedachter Gläubigkeit entstanden sind und den Stempel gläubiger Autentizität tragen. Sie teilen mit, was vor den Worten ist. Sie sagen nicht das Was des Glaubens, sondern das Wie.
Seine Entsprechung, besser seinen Ausgangspunkt, findet der Gesang in Worten des Tagesevangeliums. Im ersten Satz heißt es dort: Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala, morgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab genommen war. (Joh.20,1).
Morgens, als es noch dunkel war – das ist die Stimmung des Gregorianischen Chorals: morgens, als es noch dunkel war, vor Tau und Tag, wenn Nebel noch haften.
"Du hast deine Hand auf mich gelegt."Das Evangelium liebt Feststellungen wie diese "es war Winter" (Joh. 10,22).  Gemeint ist nicht nur die Jahreszeit, sondern auch die Kälte der Menschen, mit denen Jesus zusammentrifft. In der Leidensgeschichte heißt es "es war Nacht" (Joh. 13,30), als Judas den Herrn verriet. Gemeint ist damit nicht nur die Nacht, die jedem Tag folgt. Gemein ist vielmehr die Finsternis, in der jeder Verrat steht.
Ähnlich spricht das Evangelium von der Tageszeit am Ostermorgen: morgens, als es noch finster war. Tageszeit und Geschehen entsprechen einander.
 Der letzte Satz des Evangeliums, das an diesem Morgen verkündet wird, heißt: denn sie verstanden noch nicht die Schrift (Joh. 20,9). Anfang und Ende sprechen von Ungewissheit, von offenen Fragen und Skepsis.
Daraus schöpft auch der Sänger des Introitus seine Melodie: Ungewissheit und Wagnis. Sie zeigt den Beter in der Spannung des noch-nicht-sicher-Wissens und des Dennochs einer hoffnungsfrohen, rettenden Botschaft. Die Töne werben um das Wunderbare des Ostergeheimnisses. Staunen und Sehnen vereinen sich. Tränen der Trauer mischen sich mit Tränen der Freude. Freude, die "nur mehr als Schrecken sichtbar und fühlbar werden  kann. Aber von nun an ist Freude im Schrecken" (Ilse Aichinger).
Der Sänger wirft mit seinem ersten Wort Resurrexi , mit dem Bekenntnis der Auferstehung Christi, alle musikalischen Grundsätze über den Haufen.  Er überspringt alle Vorgaben der Tradition und leiht sich die ersten Töne aus einer anderen, fremden Tonart. So dokumentiert er, dass Christi Auferstehung alle bis dahin gültigen Gesetze ungültig macht und die Fesseln des Todes sprengt. Statt laut darüber zu jubeln bleibt der Sänger in den eng begrenzten Tonschritten einer meditativen Stille, verharrt im frommen Gebet; will sagen: das Geheimnis der Auferstehung erschließt sich nur der stillen Anschauung, nur in der Hoffnung wider alle Hoffnung, dort, wo selbst der Zweifel noch Hoffnung ist, wo Staunen alles Fragen verdrängt.
Wie so oft in der Bibel, wenn Glaube und Ungläubigkeit aufeinander stoßen, wird eine Geschichte, ein Gleichnis erzählt. Der Zuhörer mag den Sinn erfassen. Der Verfasser des Osterliedes stellt sich vor, wie der Auferstandene am Ostermorgen seinem Vater gegenübertritt. Drei Grundgedanken sind in seiner Rede vor Gott zusammengefasst: die Auferstehung, der vorangegangene Leidensweg und die Weisheit Gottes. Die Reihenfolge ist bedeutsam. Vom Ende her erklärt sich der Beginn. Der Lebensweg und das Leiden Christi finden ihr Ziel in der Auferstehung, sind von Anbeginn an aufgehoben in der Weisheit Gottes.
Der Sänger des Osterintroitus singt vom tiefen Geheimnis des göttlichen Wirkens.  Er weiß es genau, wenn er die wunderbare Weisheit Gottes besingt: scientia, die Allwissenheit. Hier ist der melodische Höhepunkt des Gesanges.
Diese Weisheit offenbart sich in der Führung des Sohnes, auch in Leid und Tod hinein. Der Sänger kann das in seiner Musik verdeutlichen. In gleicher Weise, in gleicher Tonhöhe, singt er nämlich von der Weisheit Gottes, wie er schon vorher mit gleicher Tonwendung die Hand des Vaters, die schwer lastet, besungen hat. Das Befremdliche und Unerklärliche, die Schwere des Schicksals, sie sind aufgehoben in der ewigen Weisheit Gottes, ja, sind selbst Weisheit. Die gleichen Töne der Melodie verbinden die textlich so weit auseinanderliegenden Worte posuisti und scientia miteinander und sagen: Der Auftrag des Vaters an seinen Sohn ist wunderbare Weisheit.
Aber trotz aller innerer Wortverbindung und äußerer Melodieverknüpfung bleibt in der Melodie ein Hauch von Trauer bestehen. Entgegen aller unterbrechenden und abschließenden Halleluja-Rufen verharrt der Gesang in stiller Sehnsucht, klingt das Leid des Karfreitags noch herüber in den Ostersonntag, ist das Unfassbare des Todes immer noch im Blick des Beters.
Spätere Zeiten werden in der Tonart dieses Introitus, in der Tonart der Sehnsucht, das große Passionslied singen "O Haupt voll Blut und Wunden".
Zwischen Trauer und Freude, zwischen Schmerz und Erfüllung kommt die Botschaft des Osterfestes in diesem alten gregorianischem Lied auf uns zu. Freude unter Tränen mag die Metapher sein für den, der am Osterfest diese Melodie singt. Die Sehnsucht des Herzens sucht den Glauben.
So ist unser Glaube: zwischen Dunkel und Licht. Doch die Hoffnung ist die Brücke zwischen Tag und Hoffnung. Denn die Hoffnung ist der Ort des Glaubens.
Text: Heinz-Gert Freimuth
Prof. Dr. Heinz-Gert Freimuth war von 1973 bis 2005 Domchordirektor am münsterschen St.-Paulus-Dom. Er hat promoviert mit einer Arbeit zum Thema "Das Geistliche in der Musik". Freimuth lehrt Musik und Gesang in der Liturgie an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster.

more than 2 cents...

Sonntag, 10. April 2011

Improperia

FERIA SEXTA IN PASSIONE
ET MORTE DOMINI

Karfreitag



Das schönste Stück Gregorianik der Karwoche und seit nunmehr 16 Jahren immer wieder eine Herausforderung für die Männerschola St. Michael. Nun sollte man meinen, wenn ein Choral schon so oft gesungen wurde, dass hier eine gewisse Routine zum Tragen kommt. Die einzelnen Teile an sich sind auch nicht sonderlich schwer. Es ist die Länge des Stückes, die Verbindung der einzelnen Teile, die Aufrechterhaltung der Konzentration, was die Laiensänger hier aufs Höchste fordert. Viele kleine Rädchen, die ineinander greifen müssen und die nur allzu leicht unterschätzt werden.

Das Popule meus bewegt sich in seinen tiefen Tönen oft an der Schnittstelle zwischen Brust und Mittelstimme um das d' herum. Hier muss man die Sänger dazu anhalten möglichst „helle“ Vokale zu sprechen und die Melodieteile in einem gleichmässig musikalischen Bogen wiederzugeben. Ein Fehler, der sich häufig einschleicht, ist an der Stelle „aut in quo“. Hier muss der verlängerte Ton durchgehalten werden zur nachfolgenden Melisma. Es klingt schöner, wenn hier kein Luftloch entsteht. Erst vor dem „Contristavi“ und dem abschliessenden „Responde“ sollte geatmet werden.

Die ersten beiden kurzen Anrufungen Hagios Theos und Hagios Ischyros weise ich die Sänger immer darauf hin die Schlusstöne klingen zu lassen, sie nicht zu früh wegzunehmen.
Beim Hagios athanatos ist mir selbst jahrelang ein böser Fehler unterlaufen. Das b, das bei Hagios noch gesungen wird, gilt bei athanatos selbstverständlich nicht mehr und ich hatte das übersehen – j a h r e l a n g natürlich auch für das nachfolgende Eleison, bzw miserere – die musikalisch reinste Form der Bitte, die man sich denken kann.
Alleine wenn ich den Klangunterschied höre: Sack und Asche... Domine non sum dignus... C'est la vie...Confiteor.... nicht mehr zu ändern, abhaken, weiter.... je nach Stimmungslage, eins davon passt immer – also erstmal weiter im Text.
Von der Aussprache her ist das „Miserere nobis“ bei dieser Tonfolge nicht einfach. Um den Sängern eine Hilfestellung zu geben lasse ich das Wort als Mi-se-rä-re sprechen. Die Färbung zum ä in der 3. Silbe hat sich hier als gute praktische Lösung erwiesen.


Nach den Anrufungen ergeben sich unterschiedliche Tonwechsel.
Zum „Quia eduxi“ geht’s eine Quart tiefer
Zum „Quid ultra debui“ eine Quinte
Zum abschliessenden „Popule meus“ wieder ein Quinte.
Hört sich weiter nicht dramatisch an. Unter dem Gesichtspunkt Konzentration habe ich aber schon lange aufgehört das zu unterschätzen. Tatsache ist, dass wir jedes Jahr an diesen Schnittstellen gesondert üben.


Alle weiteren Psalmverse auf Seite 228 ff des Graduale Romanum.
Steht frei zum Download auf http://www.introibo.de/gregorianik.htm


Der Gesang ist jede Anstrengung wert. Ich kann mir aber dennoch denken, dass Laiensänger zurückschrecken vor der Länge und damit vor dem Umfang der Probenarbeit.
Ich habe dieses Problem aus der Not geboren pragmatisch gelöst.
Als wir die Improperia das erste mal lernten als relativ unerfahrene Schola war ich zu optimistisch. Wirklich gelernt hatten wir nur Popule meus und die Anrufungen. Nun, dann singt man eben erst mal nur das. Einen Teil dieses Gesanges in der Karfreitagsliturgie zu singen ist erst mal besser als gar nichts und ausserdem nachhaltiger als jede Probenarbeit.
Im Jahr darauf haben wir das „Quia eduxi“ dazugefügt. Ca 2 Jahre später das „Quid ultra debui“.
Rom ist auch nicht an einem Tag gebaut worden. Puristiker dürfen gern den Kopf schütteln und das mein ich nicht abwertend. Ich bin Pragmatiker und kann damit leben.
Wir wissen nicht, was dieser freundliche Henker empfiehlt – wir empfehlen bei Kopfschmerz....
Ich empfehle Laienscholen die Improperia uneingeschränkt. Wenns nicht auf einmal geht, dann lernt das Stück in Etappen.
Singt die Improperia. Singt sie meinetwegen
  • unvollständig
  • mit ein paar Unsicherheiten,
  • über Jahre weg als Baukastensystem
Aber in Gottes Namen singt sie. Ich kenne keine eindrucksvollere Musik zur Karfreitagsliturgie.



Freitag, 8. April 2011

Der Kölner Wachhund (off-topic)

Ich hatte im SWR Blog Religion zum Artikel über Kardinal Meisner (Der Wachhund der Kirche) einen Kommentar geschrieben, der laut SWR Blog Redaktion noch "moderiert" werden muss.
Bevor die werte SWR Blog Redaktion nun sämtliche Unflätigkeiten, Schimpfwörter, Flüche und Beleidigungen wegmoderiert, möchte ich sie in meinem eigenen Blog lieber ungekürzt wiedergeben.


“Es geht um das gestörte Verhältnis zwischen Laien und Klerus in unserer Kirche,” sagt der Arzt Martin Utsch.
Ja, genau darum geht es – nur eben anders als er denkt.
Es geht darum, dass die Laien mittlerweile meinen, sie seien die besseren Kleriker – und dann, ja dann ist das Verhältnis gestört.
Die kath. Kirche war nie als Debattierclub oder Diskussionsforum konzipiert. Sie hat von Gott her nur einen Auftrag: Die uneingeschränkte Wahrheit des Evangeliums verkünden und das Opfer Christi in würdigen Eucharistiefeiern mit dazu berufenen Priestern den Gläubigen nahe zu bringen in Treue und Gehorsam fest verbunden mit dem Papst in Rom.
Da isses wieder – das böse, ungehörige, undemokratische Wort “Gehorsam”.
Gehorsam ist eine der herausragenden Eigenschaften Jesu in allen Evangelien – in seinem Fall Gehorsam bis zum Tod. Dieser Gehorsam war endgültig, Jesus überlieferte sich ohne Diskussion, ohne Abstimmung oder demokratische Mehrheitsentscheidung, allein im Vertrauen auf seinen Vater. Das muss einem nicht gefallen, aber man kann es auch nicht wegdiskutieren.
Wem das unangenehm ist oder nicht gefällt, der muss nicht zur kath. Kirche kommen. Es wird niemand dazu gezwungen. Vieleicht wären diese Personen bei den protestantischen Organisationen besser aufgehoben.
Aber ihnen sei das Wort der Mutter Theresa mit auf den Weg gegeben, die einst gefragt wurde was sich an der kath. Kirche ändern müsse. Die Antwort war eindeutig und unbequem: Die Kirche muss sich nicht ändern. Sie und ich – wir müssen uns ändern.