Freitag, 27. März 2015

Sonntag Sexagesima - Graduale: Sciant gentes

Dominica Sexagesima

Graduale (Ps 82, 19 u. 14)
Wissen sollen die Heiden: "Gott" ist Dein Name;
Du bist der Eine Allerhöchste über alle Welt.
Vers: Mein Gott lass sie wirbeln im Kreise;
lass sie sein wie Spreu vor dem Winde.

Zum Anhören im Video bei St Rene Goupil bitte HIER klicken.

Das "Sciant gentes" (Wissen sollen die Heiden) präsentiert unspektakulär. Die Melodie ist einfach gehalten  und bewegt sich zumeist in der Mitte zwischen Grund- und Tenorton. Der Text wird nicht im Sinne einer Belehrung präsentiert, die überzeugen will, sondern mehr als eine nüchterne Bestätigung bekannter Fakten.
Doch wie die Stimme sich auch beim Sprechen erheben würde bei der Nennung "nomen tibi Deus" (Gott ist dein Name), so erhebt sich auch hier die Melodie; nicht zu hoch, nur als Unterstreichung einer unverrückbaren Feststellung des Psalmisten.
Grandiose Melodieschwünge werden dagegen hörbar an der Stelle, wenn der Komponist Gottes Attribute hervorheben will. Leider sind die Stellen "Altissimus" (der Allerhöchste) und "omnis terram" (der ganzen Erde) nicht nur melodisch reich ausgestaltet, sondern auch sängerisch wirklich anspruchsvoll. Entsprechend den nur im Graduale Triplex zu sehenden St. Gallener Neumen legt die Schola etwa in der Mitte bei Altissimus eine kurze Atempause ein (roter Strich) um den Rest dieser Stelle noch kraftvoll zu bewältigen. Die Dehnung auf dem ersten Ton der Silbe "mus" lasse ich dafür entfallen.

Als rhythmischer Anker im folgenden Melisma auf "-mus" dienen die Zweier-, Dreier- und Vierergruppierungen wie in der Quadratnotation zu sehen (blau umrandet). Damit ist gemeint, dass immer der erste Ton einer Gruppe leicht betont gesungen wird, wodurch der Eindruck bei den Sängern entstehen soll wie mit imaginären kleinen Schwungrädern die Stelle zu meistern.

Vor "terram" setze ich wieder eine möglichst kurze Atempause ein um die Schola beisammenzuhalten indem ich das Wort "terram" bewusst gemeinsam ansetzen lasse.
Die exakte Silbensprache ist ein genereller Anker in Choralgesängen. Gerade bei mehreren, aufeinanderfolgenden Melismen mittlerer Länge dient das bewusste, vorbereitete Ansprechen aber auch der sängerischen Orientierung. Der aufmerksame Sänger, der das berücksichtigt ist geistig der Melodie voraus. Melodische Hürden können dadurch leichter genommen werden. Diese Stelle "Altissimus super omnem terram" sieht optisch nicht sonderlich beeindruckend aus, aber selbst mit meinen erfahrenen Scholasängern musste ich hier sehr intensiv und lange proben.

Der Vers selbst zeigt eine wenig freundliche Haltung gegenüber (hier wohl gemeint: uneinsichtigen oder feindlich gesinnten) Heiden: Mein Gott lass sie wirbeln im Kreise.
Diese Textstelle ist siginifikant lautmalerisch auskomponiert.
Beim "ut rotam" dachte sich wohl der Komponist: Wenn schon Karussell fahren, dann aber richtig. Tonlich geht es hier so hoch hinauf, dass ich gezwungen bin den ganzen Gesang wegen dieser Stelle einen Ton tiefer zu legen.

Die Berg- und Talfahrt setzt sich fort bei "et sicut stipulam" (und wie Spreu). Gestaltierisch interessant sind hier die zwei aufeinanderfolgenden Quilisma bei "Stipulam" (grün eingekreist), die im Zentrum des Melismas als Haltepunkte zu finden sind. Die ganze Flüchtigkeit und Vergänglichkeit, die man mit dem Begriff Spreu verbindet wird hier ausdrucksstark vermittelt.

Beim abschliessenden "ante faciem venti" (vor dem Wind, bzw, vor dem Gesicht des Windes) kommt als klangfarblich unruhiges Element die Verminderung der 6. Stufe dazu (in der Notation durch "b").
Die Melodielinien fliessen, oder sollte ich besser sagen wehen (rote Linien) in kurzen unruhigen Distanzen auf und ab, dem Ende des Chorals entgegen.

Sciant gentes ist ein absichtlich unruhiger, aufwühlender Gesang. Das kann dem Hörer auch bewusst werden ohne dass er den Text kennt. Zudem passt er wunderbar im Anschluss an die dramatischen Erzählungen des Paulusbriefes, die zuvor in der Epistel gelesen werden.
Tröstlichere Texte bietet die überlieferte Messordnung aber im weiteren Verlauf, der wie ein gut abgestimmtes perfekt aufgebautes Drama, das nach den Hilferufen zu Beginn der Messe im Introitus Exsurge über die drastischen Ereignisse der Epistel und dem nachfolgenden fast zornigen Gradualtext und dem stürmischen Tractus die Gläubigen schliesslich der Erlösung im Opfer Christi zuführt.

just my 2 cents...