Donnerstag, 9. Februar 2012

Sonntag Sexagesima - Tractus: Commovisti

Dominica in Sexagesima


Tractus (Ps. 59, 4 u. 6)
Du machtest beben, o Herr, das Land und hast es erschüttert.
Vers 1: Heile seine Risse, es stürzt ja zusammen.
Vers 2: Gib ein Entrinnen vor des Bogen Pfeilen,
schenk Rettung deinen Auserwählten.
Zum Anhören diesem zwei Videos: Einmal HIER von St Rene Goupil. (Die Überschrift Septuaginta ist falsch, aber ansonsten passts).

Dann hier die Benediktinerinnen von Barroux. Wer das Video noch nicht kennen sollte - unbedingt anhören. Das ist sensationell gut, überirdisch. Aus dem Album "In Paradisum" das es u.a. hier zu kaufen gibt.


Aus verstaubten Archiven ist Folgendes zu entnehmen:

Wer den Tractus eingeführt habe, ist unbekannt. Wilhelm Durand (ca. 1230-1296) nennt den Papst Telephorus (127-139); Rupert von Deutz (ca. 1070-1135) den Papst Gelasius I. (492-496). Gewiss ist, dass er in dem auf uns gekommenen gregorianischen Antiphonarium vorgemerkt ist. Anlass zu seiner Einführung gab vielleicht der Wunsch, die Messen, in welchen kein Alleluja gesungen wurde, mit einem Trauergesange auszuschmücken.
(aus Wenzeslaus Maslon, Lehrbuch des gregorianischen Kirchengesangs, Breslau, 1839)
Vielleicht sollte ich an der Stelle auch mal Google lobend erwähnen mit ihrer eingescannten Bibliothek. Den guten Wenzeslaus Maslon kannte ich nämlich bis dato nicht.

Lange Rede, kurzer Sinn - Nix Genaues weiss man zwar nicht, aber Tractus-Gesänge sind höchstwahrscheinlich die ältesten überlieferten Choralgesänge. Sie haben ausserdem die Besonderheit, dass sie entweder im 2. oder im 8. Ton stehen.
Warum das so ist, weiss ich leider nicht.

Der Beginn dieses überaus schönen Chorals ist versinnbildlicht in eng geschwungenen Auf und Abwärtsbewegungen das Beben, das der Herr ausgelöst hat. Hier ist vom kompositorischen Stilmittel her meiner Meinung nach eine Verwandschaft zu erkennen mit dem Schluss des vorhergehenden Graduale.
Es lässt sich ein dreigestaltiger Aufbau erkennen, mit dem "Beben" des Commovisti zu Beginn, dem melodisch etwas ruhigeren - ich nenns mal - Auge des Sturms bei "Domine terram", das weniger ausschweifende Melismen hat, und dem aufgewühlten "conturbasti eam" (du hast sie - die Erde - erschüttert). Untereinandergestellt, wird dieser Aufbau deutlicher.

Es folgt der erste Psalmvers und mit ihm die Bitte auf Erlösung: Heile seine Risse - Sana contritiones ejus!
Aucg hier ist wieder ein dreiteiliger Aufbau zu entdecken, ähnlich der Eröffnung.
Sana - contritiones ejus - quia mota est
Heile - seine Risse - es stürzt ja zusammen.
Der erste und dritte Teil mit jeweils langen Melismen, der zweite Teil mit einem fast syllabischen "contritiones" und dem kurzen Melisma aus "ejus".

Sana (Heile), diese Bitte wird um ihrer Dringlichkeit willen melodisch wiederholt. Was das Wort alleine so nicht ausdrücken kann wird musikalisch hörbar vorgetragen. Die Melodie erhebt sich in die Höhe, wie die Augen eines Beters im Hilferuf zu Gott um anschließend die Zerissenheit der Erde im Auf und Ab des Melismas darzustellen. Besonders deutlich (und nebenbei schwierig zu singen) macht sich das Ende des ersten Verses bemerkbar auf "est". Diese Stelle ist geprägt durch ständig wiederkehrende doppelte Quartsprünge, die sich durch das ganze Melisma hinziehen.

Im 2. Vers wird die Bitte persönlicher. Nun wird um rettung für die Auserwählten gefleht unter Zuhilfenahme eines kriegerischen Bildes mit der Errettung vor feindlichen Pfeilen.
Der Tractus (von lat. trahere=ziehen) zieht sich noch mehr in die Länge, die Melismen werden ausgedehnter.
Bei "fugiant" (gib Entrinnen) wird ähnlich wie im Wort "Sana" im ersten Vers die musikalisch Verdopplung der ersten Melodiefloskel gewählt. Die erste Bitte wird wieder doppelt hörbar gemacht.

Gegen Ende bei electi tui werden die Intervalle kleiner, die Melodie entfernt sich von der Spriúnghaftigkeit des ersten Verses. Bei "electi" (Erwählten) scheint diese im Choral noch einmal kurz durch um dann in schönen gleitenden Sekundschritten beim Schlusswort "tui" (Deinen) ein harmonisches Ende zu finden.
Ein Ende in der Gewissheit getragen, dass die Bitten erhört werden wie es schon im Introitusvers angedeutet wird, wo es heisst: O Gott, mit eigenen Ohren hörten wir es, unsre Väter erzählten davon.


Wer sich dem Faszinosum dieser uralten liturgischen Musik nähern möchte, die seit den Anfängen der Christenheit existiert, der sollte ruhig mal seinen Geist öffnen und in einer Hl. Messe diese gesungene Liturgie miterleben, die Vielschichtigkeit, bzw  - wie Hochwürden H. Jolie es einmal in einer Predigt ausdrückte - die polyphone Struktur mehrerer im Messopfer aufeinander zulaufenden Gebete und Riten auf sich wirken lassen. Die Hektik des Alltags bleibt aussen vor, während einige Minuten lang zwischen Epistel und Evangelium das Graduale und in der überlieferten Liturgie ab Septuagesima auch der Tractus, der langgezogene Choralgesang ertönt. 
Der Mensch hat nur einen Mund, aber zwei Ohren. Vielleicht ist es besser zwischendurch mal weniger zu reden und mehr zuzuhören. Auch das kann man unter einer aktiven Teilnahme, einer participatio actuosa verstehen, das laute Reden sein zu lassen, zu schweigen und Gottes Wort hörend in sich aufzunehmen.

Sie könnten z.B. am Ende des Artikels damit beginnen indem sie sich die Zeit nehmen den Tractus, von den Nonnen aus Barroux gesungen, noch einmal anhören.

just my 2 cents... 







1 Kommentar:

Tiberius hat gesagt…

Bemerkenswert finde ich es, daß der Tractus von Sexagesima, der ja an die Stelle des Alleluia gerückt ist, den zweimaligen Alleluia-Ruf der Ostervigil anklingen läßt. Eine schöne Einfassung, die uns vor der Fastenzeit noch einmal die Verheißung der Auferstehung zu Gehör bringt. Allein deshalb möchte ich den Sonntag Sexagesima nicht missen.