Montag, 7. März 2011

Ist die katholische Kirche geizig?

Es beginnt alles mit einer verschwommenen Erinnerung.
/* Rückblende ein
Irgendwann vor 20+ Jahren als ich ein Orgelstück für einen Fastensonntag vorbereitete, fragte mich mein Vater ob ich das an Reminiscere oder Oculi spielen wolle. Reminiscere?....Oculi?.... Ägypten?
Meinen erstaunten, fragenden Blick sofort erkennend fing er an loszulegen:
"Invocabit - Reminiscere - Oculi - Laetare - Judica oder Passionssonntag - jetzt sag bloss, du kennst das nicht?"
Ich (Kopf zwischen den Schultern): "Ähm, was genau?
Vater: "Na die Fastensonntage. In - Rechter - Ordnung - Lerne - Jesu Passion heisst die Eselsbrücke. Ha, spielt Kirchenmusiker und hat keine Ahnung.""
Ich: "Hat man die früher so bezeichnet?."
Er: "Papperlapapp, früher, heute, die heissen halt so. Es geht jedenfalls um die Eröffnungsgesänge, alles weiss ich auch nicht mehr genau, weils zu lange her ist, aber WIR haben das noch so gelernt."
Ich weiss genau, dass ich
a) beeindruckt war und
b) mich fragte warum ich davon keine Ahnung hatte.

Ich sah sofort im Graduale Triplex nach und fand alle Introitus der Fastensonntage bis auf "Reminiscere" am 2. Fastensonntag, denn dort stand "Tibi dixit". Naja dacht ich, jetzt bin ich wieder der Schlauere.
Nach Reminiscere nicht weiter gesucht, Held hatte gesiegt, Applaus, Vorhang.
/* Rückblende aus

Mittlerweile leite ich seit über 17 Jahren eine Choralschola und ich vergaß die Geschichte, bis feststand, dass die Schola am 20.März 2011, am 2. Fastensonntag im gregorianischen Choralhochamt singt. Die ausserordentliche Form kennt weiterhin den Introitus "Reminiscere", was zunächst nur einen Schluss zulässt: Mein Vater hat hier wohl doch mehr gewusst als ich.


Versteckt haben sie dich im Graduale Triplex, dich alten ehrwürdigen Gesang, fast schamhaft verschoben auf den Donnerstag nach dem ersten Fastensonntag und hier komme ich zur Überschrift zurück:

Ist die Kirche geizig?
Will sie ihre Schätze eifersüchtig verbergen?
Oder war das Reminiscere einfach nicht mehr gut, nicht mehr schön, nicht mehr passend genug?

Als die Schola zu proben begann dachte ich was für eine schlichte Melodie dieser Introitus doch hat. Mich erinnerte das an den Introitus "Resurrexi" vom Ostersonntag. Zurückhaltend, unscheinbar, demütig.
Die wahre Schönheit offenbart sich erst auf den zweiten Blick (oder noch später, diese erste Leuchtbirne ging nur langsam auf) und sie liegt in der perfekten Harmonie zwischen Text und Melodie. Einer Melodie, die ohne ausladende Wendungen betonte Textteile hervorhebt und unaufdringlich das Versmaß unterstützt. Die innerhalb eines ganz geringen Tonumfangs charakterisiert wird durch einen fast statischen Beginn nach dem Atemzeichen und ähnlich wiederkehrenden treppenartigen Anstiegen zum Rezitationston (gemalte Linien).

Das erschließt sich nicht sofort, aber sobald man sich dessen bewusst wird, ist das den Scholasängern leicht zu vermitteln und mit der Erkenntnis stellen sich die gewünschten Lernerfolge fast von selbst ein. Der Gesang wird mächtig! Nicht weil er nun gebrüllt wird, sondern weil die Ausführenden seine innere Harmonie und Homogenität erfassen und daraufhin beginnen die Klarheit und Struktur des Gesanges ebenso homogen wiederzugeben.
In der 4. Liedzeile erscheint die 2. Leuchtbirne der Erkenntnis über mir.
Die Melodie (eingekreist) kennst du, dachte ich mir, das hier ist keine der immer wieder verwendeten modalen Formeln, das hast du schon an anderer Stelle gesungen. Nach etwa 5 Minuten erkannte ich es: Ein musikalisches Zitat und das zitierte Stück ist aus der jubelnden Antiphon "Hosanna, filio David" vom Palmsonntag.

Ich bin zwar katholisch und glaub viel, wenn der Tag lang ist, aber eben nicht an einen Zufall an dieser Stelle. Hier ist eine eindeutige musikalische Verbindung zu Palmsonntag, dem triumphalen Einzug Jesu nach Jerusalem und Beginn seiner Passion und damit schliesst sich für mich ein Kreis.
Der Introitus Reminiscere, der textlich und melodisch demütige Aufruf "Denk an dein Erbarmen, Herr", zitiert sowohl das prächtige "Hosanna, filio David" einen Bogen spannend vom 2. Fastensonntag zur Passionswoche als auch - mit seinen bescheidenen Melismen zu Beginn - das Resurrexit des Ostersonntags.

Es ist damit nicht nur irgendein gregorianischer Gesang sondern textlich und musikalisch eingewoben in die Sonntage vom Beginn der Fastenzeit bis zum Hochfest der Auferstehung Jesu.

Darum liebe Mutter Kirche, sei nicht geizig.
Stell deine kulturellen Schätze nicht unter den Scheffel.
Reminiscere - Erinnere dich und lass sie leuchten!
An ihrem angestammten Platz.

Hörbeispiel: Reminiscere von St. Rene Goupil

Ich kann meinem Vater noch nicht mal erklären, wieso seine alte Eselsbrücke "In-Rechter-Ordnung-Lerne-Jesu Passion" heute im ordentlichen Ritus nicht mehr gültig ist. Das ist vom Gefühl her nicht richtig. Ich gebe zu, dass ich das nicht verstehe und bedauerlich finde.

just my 2 cents.....

Kommentare:

jolie hat gesagt…

danke für diesen blog.
nochmals eine andere perspektive auf die gregorianische liturgie.
viel erfolg und gottes segen!

Markus hat gesagt…

Herzliche Einladung zum nächsten Kurs für gregorianischen Choral mit Professor Stephan Zippe in der Abtei Weltenburg (die Teilnehmer singen dann auch im sonntäglichen Konventamt) vom 1.-3.IV.2011 (kein April-Scherz). Näheres unter "Kursprogramm" auf der Homepage des Klosters: http://www.kloster-weltenburg.de/

wrtlx hat gesagt…

Vielen Dank für die Einladung
Leider hab ich schon Termine für
Kurs 5 Choralkurs vom 01-03. April.
Kurs 19 Choralkurs vom 21.-23. Oktober
könnte eher möglich sein.