Dienstag, 19. April 2011

Von Hirten und Metzgern

Ich bin beim Surfen über Kirchenmusik und dementsprechende Themen bei folgendem Papier der DBK hängengeblieben: Arbeitshilfe 194 - Musik im Kirchenraum außerhalb der Liturgie. Sucht man dann etwas weiter sieht man, dass das Dokument ist einschlägig bekannt ist, siehe dazu folgenden Kommentar auf der Seite Sinfonia sacra von Johannes Laas. Ich kannte das Dokument der DBK, oder sollte ich sagen Pamphlet, bislang nicht. Selbst wenn Kirchenmusik nur mein Hobby ist, packt mich da der Zorn. Verfasst wurde es von den deutschen Bischöfen - Hirten. Hirten? Sie sollten sich was die liturgische Musik der katholischen Kirche betrifft besser umbenennen in Metzger oder Schlachter. Das klingt hart, trifft aber den Kern der Sache, wenn man lesen muss wie die DBK gesungene und gespielte Liturgie, das Schaffen der Musiker und Komponisten  von über 15 Jahrhunderten mit einem Federstrich aus ihrem angestammten Platz in der Liturgie der heiligen Messe hinauswerfen will.
Der Titel des Pamphlets klingt noch unschuldig, der Inhalt ist es nicht.
Nicht zufällig steht direkt am Anfang Kapitel 1.1 Traditionelle mehrstimmige Kirchenmusik – außerhalb oder innerhalb des Gottesdienstes?
Das Provokation ist das "oder" mit abschliessendem Fragezeichen. Hätte die DBK hier lediglich ein "und" gesetzt und dieses "und" textlich entsprechend untermauert, würde ich sie gerne auch in diesem Kontext als Hirten bezeichnen. Metzger kennen statt des integrierenden "und" nur das Schlachtbeil:
"Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils wollte die tätige Teilnahme der ganzen Gemeinde fördern, er langte deshalb den rollengerechten Vollzug der liturgischen Feier und ermöglichte die Liturgie in den Volkssprachen.  Die liturgische Praxis traditioneller mehrstimmiger Kirchenmusik scheint aber genau dies in Frage zu stellen: Der zuhörenden Gemeinde ist eine ganzheitlich-aktive Teilnahme nicht möglich; gegebenenfalls ist die liturgische Rollenverteilung nicht mehr ausgewogen. Zudem ist der Großteil der Gemeinde der lateinischen Sprache unkundig.
Wird die Liturgie von mehrstimmiger Kirchenmusik dominiert, besteht generell die Gefahr, dass professionelle Musiker, aber auch Amateure und Laienensembles den Gesang exklusiv an sich ziehen. Deswegen empfiehlt die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung: „Wenn die Kirchenmusik innerhalb eines Gottesdienstes aufgeführt wird, soll sie sich an dessen Eigenart anpassen. Dies verpflichtet nicht selten dazu, den Gebrauch von Werken einzuschränken, die aus einer Zeit stammen, in der die tätige Teilnahme der Gläubigen noch nicht als eine Quelle wahrhaft christlichen Geistes angesehen wurde."

Dies verpflichtet nicht selten dazu..... Weniger vornehm ausgedrückt: Jegliche Musik vor dem Vaticanum II ist lediglich historischer Sondermüll und Müll gehört aussortiert.
"Sollten sie innerhalb der Liturgie keine passende Verortung mehr finden, bieten sich außerhalb des Gottesdienstes viele ansprechende Möglichkeiten."Übersetzt: Wir wollen mal nicht so sein. Innerhalb des allgemeinen Immobilienmanagements wird sich schon noch ein Plätzchen dafür finden lassen.
Wer diese Werke tatsächlich noch hören will soll dafür entweder Eintritt blechen oder sie werden in einer unverdächtigen Art und Weise präsentiert, damit sie eventuelle Zuhörer um Gottes Willen nicht religiös beeinträchtigen - die DBK benutzt dafür das nette Wort "niederschwellig".
"Die Konzerte werden in der Regel zu sehr günstigen Konditionen angeboten und stehen damit Interessierten unabhängig von ihrer Einkommenssituation offen."
"Auch außerhalb traditioneller Kirchenkonzerte kann eine geistliche Musikpflege kirchlich weniger gebundene Menschen erreichen. ... z. B. „musikalische Mittagspauseni n der Kirche“, „Orgelmeditationen zum Feierabend“,
„Nächte der offenen Kirche mit Musik“ usw. Hier wird Musik im Kirchenraum außerhalb der Liturgie so innovativ und niederschwellig angeboten, dass sie auch zufällige Passanten auf einladende Weise mit Kirche und Glaube in Berührung bringt."

Ein schlichtes integratives "und" am Anfang hätte genügt um all diese Aussagen in einem völlig anderen Licht erscheinen zu lassen. Ich kenne niemanden, der all die musikalischen Werke der katholischen Kirche nur im liturgischen Gebrauch einsperren wollte, aber jetzt kenne ich, so scheint es zumindest, eine Organisation die ihre kulturellen Schätze aus der Liturgie aussperren will - die DBK.
Nachtrag:
Für die Erstellung der AH 194 sind laut Vorwort verantwortlich
1. Die Liturgiekommision der DBK,
Damaliger Vorsitzender: Kardinal Meissner,
Damaliger stellvertretender Vorsitzender: Bischof Mixa
2. Die AGÄR (Arbeitsgemeinschaft der Ämter und Referate Kirchenmusik der Diözesen Deutschlands)
Damaliger Vorsitzender: Matthias Balzer
3. Vertreter des Allgemeinen Cäcilienverbandes für Deutschland (ACV).
Damaliger Präsident: Msgr. Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider
Die Personen sind genannt aufgrund ihrer Stellung als Vorsitzende, bzw Präsident. Inwieweit sie persönlich mitgewirkt oder Einfluss genommen haben insbesondere auf Kapitel 1.1 der AH 194 ist mir nicht bekannt.


Ich will nicht so weit gehen wie Johannes Laas in seinem oben verlinkten Artikel, der Musik daran misst, wie nahe oder wie weit entfernt sie vom Gregorianischen Choral ist. Ich sehe die Entwicklung der Musik und der Kompositionstechniken als ein organisches Wachstum, ein Gebilde das sich stetig weiterentwickelte, innerhalb des kulturellen europäischen Raumes von der frühen Mehrstimmigkeit über Barock, Klassik, Romantik bis in die Moderne. Einen Zeitgenossen wie Colin Mawby, die vor allem auf die Schönheit und Singbarkeit ihrer Messen Wert legen erwähne ich da gerne extra.
Im sog. neuen geistlichen Lied gibt es viel triviales. Es gibt aber auch Komponisten wie Albert Frey, der die meisten seiner Texte unverfälscht aus dem Brevier ableitet oder Pfarrer Andreas Schätzle (Radio Maria, Wien), die sowohl textlich als auch musikalisch grossartige Lieder schreiben.
Jetzt die Preisfrage: Kann man gutes neues Liedgut auch in der überlieferten Form der Gregorianischen Messe singen?
Meiner Meinung nach ja. Ich bin hier gegen Denkverbote. Komponisten aller Zeiten haben von sich auch gesehen mit zeitgenössischen Techniken zeitgenössische Musik für die "Messe aller Zeiten" geschrieben. Ich sehe keinen Grund, warum das für gute und wertvolle Lieder unserer Zeit nicht gelten soll. Das macht dem gregorianischen Choral seine exklusive Stelle als gesungene Liturgie nicht streitig. Es wäre aber auch ein Zeichen für die Hermeneutik musikalischer Reform um mal einen bekannten Begriff Papst Benedikts abgewandelt zu verwenden, dass man Neues hinzufügt und mit den Wurzeln liturgischen Gesangs, dem gregorianischen Choral in der heiligen Messe verbindet, statt die Wurzeln abzuschneiden oder Neues auszusperren. Eine Synkope ist lediglich ein musikalisches Stilmittel und nichts Dämonisches und nur weil ein oder zwei textlich und musikalisch passende Propriumslieder neueren Datums zum Einsatz kommen würde eine ehrfürchtige Liturgie nicht profaniert.

just my 2 cents....

Kommentare:

Tiberius hat gesagt…

Ein lächerliches Dokument, auch wenn man weinen möchte! Eines der folgenreichsten Mißverständnisse unserer Zeit ist wohl die Gleichsetzung der tätigen Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie mit dem Mitmachen an der Liturgie. Statt die geforderte Tätigkeit in einem Akt des Glaubens münden zu lassen, gilt der Anspruch nur dann als erfüllt, wenn jeder einmal vorliest, mitkrächzt, ein Schälchen trägt, den Leib Christi ausgibt oder um den Altar tanzt. Komische Zeiten sind das.

jolie hat gesagt…

einfach nur peinlich und mit ungeheuren langzeitwirkungen, weil generationen von liturgieausschussmitgliedern mit diesen thesen drangsaliert wurden. ein anmaßung, durch die ganze generationen von gläubigen und liturgen zu doofies erklärt werden: die wussten damals halt noch nicht, worum es in der liturgie geht. was das NGL in der überlieferten messe anbelangt, so spricht m.e. überhaupt nichts dagegen. ich bin mir aber nicht sicher, ob man dadurch wirklich neue gläubige für den alten ritus gewinnen kann oder ob es nicht doch um etwas tieferes geht als um die liedauswahl.

wrtlx hat gesagt…

Das Schlimmse an der AH 194 ist das Datum: 1. Juli 2005. Das ist einer der letzten Giftspritzen der DBK vor dem motu proprio unterzeichnet vom damaligen Vorsitzenden Karl Kardinal Lehmann. Mir ist bislang keiner der ach so konservativen (bewahrenden) dt. Bischöfe bekannt, der je dagegen opponiert hätte. Vieleicht find ich ja noch einen. Wenn man die Akribie kirchlicher Schreiben kennt ist klar, dass dieses "oder" kein versehen war. Platzierung und nachfolgender Text sind hier eindeutig bösartig und destruktiv dem eigenen kulturellen Erbe gegenüber gewählt.

Betr. NGL: Ich denke lieber einen Schritt zu weit, als einen zu kurz. Die musikhistorische Logik spricht imho dafür, der noch bescheidene, von vielen Widerständen begleitete Weg zurück zu den Wurzeln noch dagegen. Irgendwann trifft sich das.